„Ich glaube, ich mache alles falsch“

Die Geschichte des Darmstädter Künstlers, Rainer Lind, zeigt, wie schwer es manchmal sein kann, im Leben seinen Weg zu finden und zu gehen. Diese Erfahrung spiegelt sich auch in seinen Video-Portraits wider.

Rainer, wie bist du Künstler geworden?
Ich würde sagen über Umwege – das gilt auch für mein Leben: es verlief nicht gradlinig und auch nicht immer einfach. Mein erster Berufswunsch war Kameramann. Damals aber undenkbar. Also wurde es erstmal eine Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Darmstädter Verlag. Später habe ich dann Design an der Hochschule Darmstadt studiert. Das war im Jahr 1975. Damals hatte ich schon ein bisschen was mit Fotografie am Hut.

Und die Malerei?
Die kam viel später und auch nur, weil einer meiner Professoren, Icke Winzer, mir gestattete, mich neben des Studiums mit Malerei und Zeichnung zu beschäftigen.

Er war der erste Lehrer in meinem Leben, der mir so etwas wie Selbstbewusstsein gab und mir einen Weltblick vermittelte – es war ein Geschenk für mich!

Es waren lange Sitzungen in meinem kleinen Atelier, die oft spät nachts im Künstlerkeller endeten. Unvorstellbar heute. Icke war es auch, der mich an Gotthard Graubner an die Kunstakademie in Düsseldorf vermittelte.

Warum war dein Leben nicht immer einfach?
Ich bin ja ohne Abitur zum Künstler und Lehrer und Hochschullehrer geworden. Ein Milieuflüchtling sozusagen. Dieser Weg ist nicht einfach. Aus „einfachen“ Verhältnissen stammen, das muss im Leben lange gerichtet werden, bis heute. Vor allem was Selbstbewusstsein, Selbstwert, Durchsetzungsvermögen, aber auch Bildung angeht! Da braucht es viele Menschen, die einem da einen Weg aufzeigen. Solche Menschen habe ich zum Glück getroffen.

Würdest du sagen, dass du es mit Beginn deines Studiums geschafft hattest?
Nicht unbedingt. Aber ich habe in dieser Phase meines Lebens eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht: Mit vielen Professoren bin ich bis heute befreundet und sie waren auch meine ersten Bildkäufer, beispielsweise haben sie meine Diplomarbeit sofort nach der Prüfung aufgekauft. Andere Dozenten wollten mich durch das Diplom fallen lassen. Zum Glück haben sich meine Fürsprecher durchgesetzt und mir eine Eins gegeben.

Da habe ich zum ersten Mal gespürt, wie meine Person polarisieren kann.

Und diese Erkenntnis hast du dann für dich genutzt?
Naja, ich würde nicht sagen, genutzt, aber es hat mir gezeigt, dass vor allem Menschen, die immer mal wieder anecken, weil sie bestimmte Normen nicht erfüllen, eventuell ein unheimlich großes Potenzial in sich tragen. Konkret wurde das dann viele Jahre später bei meinen Videoportraits.

Du meinst die Videoportraits, die du 2012 angefangen hast?
Ja, genau. So eines wie ich zum Beispiel von Helene gemacht habe.

Aber was genau haben die Videoportraits mit Nichterfüllen von Normen zu tun? Wählst du danach deine Interviewpartner aus?
Nicht nur. Vor allem am Anfang war es ein wesentlicher Aspekt: Mir fielen sofort viele Schüler/innen ein, die einen schweren Stand in der Schule hatten, später aber durchaus Wertvolles geleistet haben. Als Mensch und im Beruf. Und das waren der Pfad und das weite Feld. Wahrscheinlich zog mich meine eigene, nicht sehr erfolgreiche Schulkarriere ausgerechnet in diese Ecke. Lehrer hatten mir wirklich immer und fortwährend sehr zugesetzt, zu Recht oder Unrecht – das will ich gar nicht bewerten.

Nun bist du ja aber auch schon lange selbst Lehrer – was waren und sind deine Beobachtungen?
In 36 Jahren als Kunstlehrer an der Brecht habe ich viel beobachtet: Viele erfolgreiche Abiturienten bedienen am Bankschalter und die, die gerade mal einen Punkt in Mathe bekamen und fast durchs Abi gefallen sind, entwickeln sich nach der Schulzeit ganz erstaunlich. Oft werden unglaublich wertvolle Fähigkeiten verschenkt und riskiert – von den Demütigungen und Erniedrigungen ganz zu schweigen …!

Du meinst innerhalb des Systems Schule?
Ja. Erst vor kurzem gestand ein früherer Schüler, und heute guter Freund, dass er leere Klausurblätter abgegeben hat, nicht weil er cool sein wollte, sondern weil er sich für seine Rechtschreibschwäche so sehr geschämt hatte und sich nicht in Serie erniedrigen lassen wollte. Erstaunlicherweise kaschieren ja solche Menschen ihre „Fehler“ durch eine besondere Redekunst oder Anderes. Das ist einfach nur beeindruckend! Lehrer wollen natürlich immer das Beste für ihre Schüler, aber oft sind auch wir Lehrer einfach gehetzt und haben nicht die Zeit für unsere Schüler, die wir gerne hätten.

Was könnte deiner Meinung nach so etwas verhindern?
Ich glaube, dieser Schüler hätte bestimmt keine Probleme damit gehabt, seine Unterlagen einem Roboter zu geben. Er weiß, dieser hat keine Gefühle und wirft ihm keine verständnislosen Blicke zu. Er bewertet objektiv – kein Mensch ist dazu in der Lage, ich übrigens auch nicht! Aber ich denke, das ist auch einfach nur menschlich. Es gibt nun mal eine sehr subjektive Wahrnehmung der Dinge und es gibt sehr sensible und empathische Menschen. Rot ist nicht Rot, Geräusche sind nicht Geräusche, Geruch ist nicht Geruch. Menschen erleben Dinge sehr unterschiedlich! Jeder Blick, jeder Tonlaut kann loben oder verletzen. Ich vermute dass wir wesentlich mehr Lobs brauchen, als wir Tadel verkraften können. Vielleicht entscheiden solche Erlebnisse ob wir „gut“ oder „böse“ werden. Das meine ich wirklich auf den Charakter bezogen. Die Häufigkeit von empfundenem Tadel oder Nörgelei kann aber auch durchaus zu Erfolgen führen. Ich vermute viele „gekränkte“ Menschen sind später im Beruf sehr erfolgreich.

Solche Gedanken beeinflussen deine Wahl der Menschen, die vor deiner Kamera sitzen?
Ja, solche Themen bilden einen Schwerpunkt bei meinen Videos: holprige Lebenswege, die sich abseits des Mainstreams befinden, Sonderlinge, Schrägdenker. Lebenswege, die in unserer Kulturgeschichte von großer Bedeutung sind, auch in der Wissenschaft! Anderes ist auch alles wichtig, die Mischung macht es. Deshalb kamen dann auch auch immer öfter Interviewpartner vor meine Kamera, auf die ein holpriger Lebensweg so gar nicht zu traf.

Mit wem hast du dein erstes Videointerview geführt?
Das erste Interview war dann auch eines mit einer ehemaligen Schülerin. Sie ist mit einem Punkt in Mathe gerade so durchs Abi gekommen: Sie hat Philosophie studiert, promoviert und ist heute Professorin. Bumm! Und sowas habe ich schon oft erlebt.

Was würdest du als deinen Antrieb formulieren, der hinter den Videoportraits steckt?
Ein Thema habe ich ja schon genannt – holprige Lebenswege, Sonderlinge, Schrägdenker … – und ehrlich gesagt habe ich mich dann eigentlich für alles interessiert. Ich bin sehr neugierig. Bei den Videoportraits musste ich nicht nachdenken, irgendwie nimmt es sich von selbst auf, sie sind wie Kneipengespräche, das Setup wird sofort vergessen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Interviews Menschen ein gutes Gefühl vermitteln können. Sie ernst nehmen, aufmuntern und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen ohne die Schablone des Bewertens. Ich denke, das ist mein Antrieb. Ich möchte Menschen zur Geltung bringen, eine Besonnenheit, Aufmerksamkeit der Persönlichkeiten abbilden, nachspüren und auch entdecken: Es ist ja auch ein Dialog – Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung auf beiden Seiten. Deswegen verträgt es auch Länge! Es gibt keine vorbereiteten Fragen. Alles ist immer offen.

Es geht dir also eigentlich mehr um Gespräche – dass die Kamera läuft und die Interviews auch recht lang sind, ist dir egal, oder?
So könnte man es formulieren, oder so wie Helmut Herbst, emeritierter Professor für Film an der HFG Offenbach. Er hat, nachdem ich ihn aufgenommen hatte, gesagt:

Du machst alles falsch, aber genau das ist richtig gut!

Videos von Rainer findest du hier:
www.rainer-lind.de

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