Is schön, machen wir aber nicht

Ich bin Regisseurin, Theaterregisseurin. Und um ehrlich zu sein, ich glaube, kaum einer, der die Theaterwelt nicht kennt, weiß, was ein Regisseur am Theater so treibt.

„Was machen Sie denn vormittags?“

Diese oft gestellte und wirklich ernst gemeinte Frage, nervt mich bereits seit Jahren. Auch eine schöne und leider ernstgemeinte Frage: „Was machen Sie denn hauptberuflich?“
Um mit diesen Mythen aufzuräumen, kommt hier ein Blick – im wahrsten Sinne – hinter die Kulissen. Natürlich ganz im Stil der Theaterwelt: überzogen, übertrieben und völlig wahnsinnig.

Mein Arbeitstag in der Probenzeit beginnt  gegen 9:30 Uhr. Ja, ja, darüber ärgern sich jetzt bereits die Ersten, bei denen es werktags schon vor 8:00 Uhr losgeht. Ich arbeite aber meist auch bis in die späten Abendstunden. Eine reguläre Probe an einem Stadt- oder Staatstheater darf bis 22:00 Uhr gehen. Kaum zu glauben, aber wir haben eine Gewerkschaft, die dafür gesorgt hat, dass dann auch mal Schluss ist. Da staunt ihr, was? Danach muss sich, meist bei Wein und Pommes, besprochen werden. Oder man sitzt mit einem heulenden Darsteller auf einer kalten Treppe oder im dunklen Zuschauerraum, um das Ego wieder aufzubauen und damit die Arbeitshaltung auf den Proben.

Zwischen Schweiß, Unsicherheit und Floskeln

Je nachdem, wo ich probe, ob auf einer Probebühne oder Bühne, sitze ich vor einer ungefähren Abbildung des Bühnenbildentwurfs. Die Technikabteilung des jeweiligen Theaters gibt sich größte Mühe, das vom Bühnenbildner erdachte Bühnenkonstrukt, sei es ein naturalistisches Bauernhaus oder ein goldener Kunstrasen mit übergroßen Buchstaben auf Rollen, so getreu wie möglich nachzubauen.
Auf einer Probebühne herrscht eine spezielle Atmosphäre. Zwischen Schweiß und Unsicherheit wird hier der erste Weg zur Figur an Hand eines von mir erarbeiteten Konzepts gegangen. Mit „Das hat schon viel Schönes…“ oder „Geh da mal in die richtige Energie…“ versorgen wir Regisseure die Schauspieler mit dem nötigen Input. Die meisten meiner Kollegen dürften sich bei diesen Subtext-Floskeln ertappt fühlen.

„Is schön, machen wir aber nicht!“

Also hangeln wir uns, mehr schlecht als recht am Text durch ein meist minder gutes Stück. Wenn man in den Genuss eines Woody-Allen-Textes kommt, hat man es leicht, denn bei Woody steht alles da. Nichts muss psychologisch hinterfragt oder untersucht werden. Steht da: „Andrew fällt aus dem Fenster“ sollte man den Schauspieler bitten aus dem Fenster oder einem Fenster-ähnlichen Element zu fallen.
Der Schauspieler hingegen sucht meist vergeblich nach dem für ihn so wichtigen Unterfutter. Nach einer zweiten Ebene, dem doppelten Boden und fragt in regelmäßigen Abständen, also ungefähr alle fünf Minuten ob er es mal so oder doch vielleicht auch mal so probieren dürfe. “Klaaar!”, denn so sind wir auf einem guten Weg. Das versichere ich immer wieder, weiß aber in der Regel schon wohin das führen wird. Nämlich da hin, wo ich den Schauspieler haben will: Auf dem Rücken liegend, weil er nämlich grad aus einem Fenster gefallen ist!

Regie kommt von Regieren

„Machs einfach!“

liegt mir ganz oft – gottgleich empfunden-  auf der Zunge. Verkneife ich es mir aber meist. Schauen wir uns die Besetzungsliste mal genauer an: Die Berufsbezeichnungen geben uns gar keinen Spielraum zu Interpretation. Ausstatter statten aus, Dirigenten dirigieren und Regisseure regieren. Schauspieler spielen. So einfach ist das.

Ich persönlich arbeite sehr visuell. Im Vorfeld treffe ich meine Ausstatterin, ihr Modell des Bühnenbilds in Miniaturgröße und erstelle mit diesen Hilfsmitteln einen Fahrplan in meinem Kopf. Man könnte ihn auch Rettungs- oder Evakuierungsplan nennen, denn oft bin ich nicht mehr als eine Stewardess. „Du von rechts, du danach nach links und am Schluss kommen alle gleichzeitig zur Mitte.“

Schauspieler wird auf die zweite Silbe betont

Die Proben gehen ihren Lauf. Man diskutiert über Sätze, schiebt diese hin und her, schmeisst sie raus, ähnlich wie Bühnenteile und Räume. Dabei sind Tempo und Dynamik unabdingbar. Regelmäßig treibe ich die Beteiligten an, wie ein Fußballtrainer. „Go, go,go! Anschluss. Jetzt!!!“

Handelt es sich um ein musikalisches Werk wie ein Musical oder eine Operette sind die Lieder oder Zwischenspiele ein nächstes erhellendes Kapitel.
Je nach Besetzung und Personal gibt’s da die Sorte Körperklaus, die mit zwei linken Beinen gesegnet, und dadurch eine echte Bedrohung einer glimpflich ablaufenden Choreografieprobe darstellen. Oder man hat die Kollegen, die wegen der richtigen Ausbildung, ihr ganzes Talent ausschließlich im Schwingen der Hüfte gepachtet haben und es einem plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt, warum beim Finden einer Figur oder einer Haltung bei diesen jegliche Hilfe zu spät kommt.

Das schwarze Loch der Zuschauerraum

Zwei Wochen vor Premiere begeben wir uns dann in ein emotional schwarzes Loch. Nicht nur metaphorisch sondern tatsächlich. Die Endproben gestalten sich überall gleich: Erste Schritte ins Original-Bühnenbild und die echten Kostüme werden ins rechte Licht gerückt. Tagelang sitze ich im Dunkel des Zuschauerraums mit Blick auf die Bühne – die große Bühne, keine Probebühne.
Der Tag der HP0 (Hauptprobe 0, die Probe vor der HP1) startet um 8:00 Uhr mit der Beleuchtungseinrichtung, wir gehen jede einzelne Szene durch, wer braucht wann und wo Licht. Ob mit Diskokugel oder Lauflichteffekt, in pink, lila oder fliederviolett.

So kann man sich ausrechnen, wie kleinteilig und langwierig diese Arbeit ist. Ich persönlich liebe es. Mit Kaffee und einer großen Ladung Süßigkeiten genieße ich die Ruhe im Dunkeln. Fern aller Schauspielerfragen nimmt alles langsam Form an – ein grandioses Gefühl.  Ich verliere dabei immer jegliches Raum- und Zeitgefühl.

GP steht für Generalprobe

In den letzten drei großen Proben (HP 1, 2 + GP) werden alle Abteilungen zusammengeführt: Licht, Ton, Technik, Musik und Tanz. Dazu kommen Perücken, Masken und Kleidchen.
Ich verlasse meinen Platz im Zuschauerraum kaum noch und schicke diverse Helfer wie Hospitanten, Assisstenten oder Inspizienten, um in meinem Sinne zu handeln. Alles was ich kritisiere wird notiert, alles was ich anders will, sofort angesagt. Alle Fragen laufen bei mir zusammen. Antworten werden meist sofort verlangt. Haltung und Stimmung haben cool und entspannt zu sein. Ruhe bewahren und befrieden. Vermitteln und motivieren. Künstlerische Freiheit oder die Möglichkeit sich nach Höherem aufzuschwingen, sieht anders aus. Zwischen Stewardess und Mutti der Nation bewege ich mich am Rand eines Nervenzusammenbruchs, da ich ja meist ein halbes Jahr vorher schon wusste, wie es aussehen soll und mich ärgere, dass ich es nicht gleich durchgesetzt habe. Aber auf Befindlichkeiten zu achten und Geduld zu haben, gehört nun mal zu meinem Job.

There’s no business like showbusiness

Aber wie es der Theatergott (ist das hier auch Apollon?) so will, geht am Tag der Premiere meist der Lappen hoch, wie er soll. There’s no business like showbusiness pfeife ich dann vor mich hin und klopfe mir innerlich mehrmals auf die Schulter, dass ich ökonomisch und fast unkünstlerisch durch sechs Wochen Proben durchkam. Meine Aufgaben sind nicht nur zündende Ideen, sondern ganz klassisch Organisation, Zeitmanagement und Personalführung. Der klassische Projektleiter oder Controller? Auf jeden Fall gehobenes Management, da ich an der Spitze meist ziemlich allein stehe und ja am Schluss mein Name auf der Liste der Beteiligten ganz oben steht. Und niemand wird in einer Kritik bemängeln: „Da hat der Schlosser aber Mist gebaut!“

Die Generalprobe am Vorabend der Premiere ist mein letzter aktiver Arbeitstag. Ich gebe nach dieser Probe alles vertrauens- und hoffnungsvoll in die Hände der Schauspieler und der Regieassistenten, die mein Werk zukünftig überwachen.
Kritisiert wird kaum noch, nur noch bestärkt und gelobt. Mit sanftem Blick und warmen Händen wirke ich psychologisch auf die Hauptdarsteller ein, raune ihnen „Es wird alles gut“ oder „Jetzt biste dran an der Rolle“, ins Ohr und sitze an der Premiere nicht im Zuschauerraum. Dafür in der Kantine. Natürlich mit der Hoffnung das mein Loslassen und Vertrauen zu spielerischer Freiheit führt und uns alle zu Höherem aufschwingen lässt.

Der Gang zum Schafott

Zum Applaus gehe ich dann den Gang zum Schafott und rechne mit allem. Von Buh-Rufen bis zu Standingovations ist alles möglich. So auch genau vor einer Woche:
Die Hauptdarstellerin holt die Schwarzen (das Regieteam) und wir gehen raus. Raus auf die Bühne. Vergangene Woche durfte ich in einen vollen Theatersaal mit stehenden Ovationen blicken.
#lovemyjob

Foto: Jakob Nonnen

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