„Am Theater herrscht eine Energie, die mich antreibt.“

Ein Ort, an dem die Ratio dem Gefühl weichen darf und geschützt ist – das ist die Welt des Theaters und der Oper. Ben Baur arbeitet seit vielen Jahren als Ausstatter und Regisseur in dieser Parallelwelt, die Menschen mit auf Reisen nimmt. Was diese Faszination für ihn ausmacht, hat er uns erzählt.

Wie hast du für dich entdeckt, dass du irgendwann einmal in der Theaterwelt arbeiten möchtest?
Es muss an einem Donnerstag gegen 13:30 Uhr passiert sein. An welchem Donnerstag weiß ich nicht mehr genau, aber donnerstags traf sich immer die Theatergruppe meines Gymnasiums – da irgendwann ist es um mich geschehen.

Wie ging es dann für dich und das Theater weiter?
Neben dem Schultheater kam irgendwann das Darmstädter Staatstheater in der Hügelstraße dazu. Dort habe ich viele Jahre fast jede freie Minute verbracht – fast wie ein Süchtiger …

Süchtig danach als Schauspieler auf der Bühne zu stehen, oder was hat die Faszination ausgemacht?
Für viele geht der Weg in die Theaterwelt über die Schauspielerei – so war das auch bei mir. Der Schauspieler ist ja auch meist die erste Kontakt- bzw. Bezugsperson, die den Zuschauer im Saal mit dem Theater verbindet: an sich ein ganz intimes und emotionales Kennenlernen. Später hat mich aber das Gesamte interessiert – die Art wie das Theater sich gestalten kann und wie alles auf der Bühne zusammenhängt.

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Deshalb hast du dich dann an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee für Bühnen- und Kostümbild beworben. Was hat dieser Schritt für dich bedeutet?
Ich habe mich auf diese Bewerbung sehr intensiv vorbereitet und mit viel Zeit und Fleiß meine Bewerbungsmappe gestaltet. Die Aussicht in Berlin studieren zu können hat mich angetrieben, genauso wie das Profil der Kunsthochschule – das interdisziplinäre Grundstudium gibt große künstlerische Entwicklungsmöglichkeiten. Als ich die Zusage bekommen habe, war ich ziemlich stolz.

Mit dieser Zusage hat sich dann dein Leben geändert – was ist es, das den Theaterberuf für dich nach wie vor zum Traumberuf macht?
Mit Traumberufen ist das so eine Sache – jeder träumt anders. Am Theater herrscht eine eigene Energie, die mich antreibt. Vielleicht sind das Theater und die Oper auch eine der letzten Orte, wo eine emotionale Arbeit ihren geschützten Raum hat und auch nicht alle Entscheidungen rational sein müssen. Manchmal ist der Affekt der Schlüssel zum Glück. Gerade erst letztens habe ich ein Straßenplakat entdeckt mit dem Spruch:

Embrace your shyness! Cry in public! Have big big feelings! Be a mess!

Als ich das gelesen habe, musste ich innerlich schmunzeln und dachte, ja, so ist es.

Wie spiegelt sich das in deinem Beruf wider?
Ich mag die Menschen am Theater und bei jeder Inszenierung beginnt auf’s Neue die Suche nach dem einen besonderen Moment, der großen oder kleinen Geschichte und die Sekunde, wenn das Licht ausgeht und der Vorhang sich öffnet. Das hat sich seit dem Kasperletheater in der Kindheit kaum verändert.

Du übst einen extrem kreativen Beruf aus. Woher holst du dir immer wieder neue Inspiration für deine Räume und Bilder auf der Bühne?
Zu allererst vertraue ich meinem Bauch und meinem ersten, inneren Gefühl. Das sind oft gute Indikatoren, in welche Richtung mich meine Gedanken und Atmosphären später führen… Ich habe seit Jahren außerdem den Laufsport für mich entdeckt und empfinde die Zeit und die Bewegung fast wie eine Art Meditation, in der ich viel mit mir und meinen Fragen ausmache. Dazu kommen mein Mann und die Gespräche mit ihm.

Was macht für dich eine gute Theaterarbeit aus?
Theater lässt sich nicht wirklich in gut oder schlecht kategorisieren, aber für mich persönlich muss eine Theaterarbeit emotional sein. Ich liebe es, wenn ich im dunklen Theatersaal von einer unbändigen Kraft berauscht werde – sei es nun inhaltlich, gedanklich oder manchmal auch nur von purem Schönen oder Hässlichen. Es ist die Kraft einer Idee oder ein emotionaler Zustand, den eine Gruppe oder auch ein Einzelner mit mir teilt. So etwas kann manchmal noch für Wochen nachhallen.

Was würdest du gerne an unserem Theatersystem ändern?
Ein System zu verändern ist nicht einfach, vor allem, wenn es über Jahrhunderte gewachsen ist und von so vielen Dingen beeinflusst wird. Ich würde mich freuen, wenn das Theater nie seinen Ursprung verliert und die Geschichten auf den Bühnen immer das große Zentrum bleiben. Eine Art Insel, wo es noch Dinge gibt, die in der übrigen Welt vielleicht bereits verloren gegangen sind.

Mittlerweile arbeitest du als Bühnenbildner und Regisseur – welchen Vorteil hat es, als Regisseur die Arbeit des Bühnenbildners zu kennen?
Ich versuche Menschen für eine Idee und die Magie einer Vorstellung zu begeistern. Dass ich vorher als Ausstatter gearbeitet habe, hilft mir dabei, sehr ganzheitlich zu denken und zu fühlen. Das heißt: Ich sehe immer einen ganzen atmosphärischen Kosmos. Die Verzahnung von Inhalt, Bild und Szene ist dann doch fast wie eine Komposition.

Was empfiehlst du jungen, theaterhungrigen Menschen, die noch ihren Weg in die Welt des Theaters suchen?
Viel und oft ins Theater gehen! Jede Chance für einen Fehler nutzen, um daraus zu lernen und an sich zu wachsen. Mut eine Meinung zu haben, sie auszusprechen und dafür einzustehen und vielleicht am Wichtigsten: Vertraue dir!

Nächste Inszenierungen von Ben Baur:

Roméo et Juliette an der Oper Graz: Premiere am 5. November 2016
Così fan tutte am London Royal Opera House im Jahr 2017

 

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