Darmstadts Bullerbü

Das Hofgut Oberfeld

Wo Lasse, Bosse und Lisl sich einen Kuchen teilen, ist die Welt noch in Ordnung! Wir lieben das Oberfeld und das Hofgut ist ein ganz wundervoller Ort, an dem sich Menschen begegnen – ein humoristischer Blick auf Darmstadts Bullerbü …

Wir alle kennen Astrid Lindgrens geschaffenes Paradies. In Bullerbü riecht es nach Heu, die Wiese ist noch grün und die Stille wird höchstens durch ein Muhen gestört. Kinder jagen Hühner und sich gegenseitig über Felder. Wer in Darmstadt nach so etwas sucht, könnte eventuell mitten in unserer Stadt fündig werden. Unsere geliebte Heimatstadt, die sich immer mehr als Metropole entpuppt, mit ihren neuen hippen Läden, veganem Fastfood, nachhaltiger Kosmetik, Galerien und immer mehr jungen Familien im Kiez des Martinsviertels.

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Das Hofgut Oberfeld ist die heile Welt Darmstadts. Knapp acht Autominuten oder zehn mit einem Citybus aus der Innenstadt. Wer ein eschter Darmstädter und Partsch-Wähler ist, fährt natürlich mit dem Rad durch den Kiez über die Rosenhöhe – vorzugsweise mit einem Lastenfahrrad. Jeder Städter empfindet den Kuhmistgestank als „Sooo herrlisch“ und genießt den Gang durch Matsch und Heu, wo er aufm Spielplatz sofort „Ach verdammt“ rufen würde, um sich dann mit einem recyclebaren Feuchttuch die trendigen weißen Sneakers abzuwischen.
Doch hier draußen ticken die Uhren anders.

Porsche Cayenne statt Lastenfahrrad

Besucht man das Gelände (an einem gewöhnlichen Nachmittag) wird man Zeuge unterschiedlicher Begegnungen. Alle kommen. Und mit alle sind Menschen unterschiedlicher Couleur gemeint. Die Gattungen der Darmstädter reichen vom grünen Studienrat über die Galeristin, bis hin zum Broker, der das Hofgut mit seinen Kindern besucht, um der Mama mal ne Auszeit von den Kids zu gönnen. Aber auch die Purzelbande aus dem städtischen Kindergarten oder Studenten kommen und frönen der Landatmosphäre.

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Und plötzlich fährt der weiße Porsche Cayenne auf den Hof und parkt direkt vorm Eingang. Die Besitzerin trägt Slipper und ist mit einem cremefarbenen Cashmerepulli gekleidet. Sie kauft im Hofladen zwei Suppenhühner und ne Rinderlende und kurbelt damit ordentlich den Umsatz der gesamten Einrichtung an. „Qualität hat seinen Preis“, würde die cashmerepullitragende Cayenne-Fahrerin sagen, denn so wie der Sonntagsspaziergang zum guten Ton gehört, kauft man heute nicht nur BIO, sondern auch und vor allem REGIONAL.

Hühnergeld hat man, oder eben nicht

Andere kommen einmal pro Woche, erlauben sich einen Slowfood-Kaffee (ich nenne den Service liebevoll Die Entdeckung der Langsamkeit 😉 ), kaufen ein Brot und einen frischen Salat vom Feld. Denn wer keinen SUV der Premiumklasse fährt, verfügt nicht über die nötigen Mittel, den Hofladen als täglichen Konsumort zu nutzen.

Ich würde zu gern jede Woche für meine Kinder ein Suppenhuhn kochen, dass sie vorher übers Feld gejagt haben, doch leider wirft mein Job nicht genug Hühnergeld ab. Schokoeis und Kuchen an einem Nachmittag sind für uns deshalb ein Highlight, das wir genießen und schätzen. Gesundes Konsumieren mit Kindern ist vielen Gästen auf dem Hofgut wichtig, was die Beliebtheit des Cafés und der Speisen erklärt und trotz manch harten Preises, den Erfolg der ganzen Institution.

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Lasse, Bosse und Ole sind plötzlich Hipster

Wer mit Kindern das Hofgut besucht, kennt es genau. Täglich spielt sich dort fast abziehbildartig dieselbe Szene ab: Hipster mit ihren Hipsterkindern und deren Hipsterkindernamen beim Heuhüpfen, Baggerfahren und Kühe streicheln.
Ob Lasse, Bosse oder Ole – Finkid und Naturinostiefel sind hoch im Kurs. Die Eltern meist im selben Farbton – derzeit sehr beliebt: senfgelb und dunkelblau, ebenfalls in einer Funktionsklamotte, denn: „Wir sind ja schließlich in der Natur und da darf man sich auch mal einsauen.“ Mama schiebt also mit Blundstones und Fjäll Räven-Rucksack ihren Bugaboo-Kinderwagen, mit dem obligatorisch dritten Kind über den Acker.

„Alles kein Problem“, würde sie antworten, wenn man sie nach ihrem Alltag mit drei Kindern unter fünf Jahren fragt. „Alles ganz entspannt. Die Jungs sind super drauf, sie schlafen durch und haben totaaal Verständnis für mich und die Kleine. Sie lieben ihre kleine Schwester.“
Ist ja auch alles kein Problem, wenn man über genug Hühnergeld verfügt. Wenn Papa abends von der Arbeit nach Hause kommt, findet er zwei ausgepowerte und Frischluft-geschockte, schlafende Söhne vor, Mama sitzt auf der Zanottacouch im 100 Quadratmeter-Wohnzimmer und das gestillte Baby ruht in Schurwolle gehüllt in einer Wiege.
Alles kein Problem, denn nach der Milchbar geht’s für Klein-Lisl in Omas liebevolle Arme, die den ganzen Tag schon mit den Hufen scharrte, um endlich die geliiiiiebten Enkelkinder hüten zu dürfen. So machen sich Mama und Papa auf den Weg zum trendigen Italiener und trinken zum Rinderfilet, das sicher nicht vom Hofgut stammt, einen feinen Barolo.
So schließt sich der Kreis, denn am nächsten Tag macht sich Mama, die nach dreimal wöchentlich geplantem Kuscheln, ihre sieben Stunden durchschlafen konnte, mit ihren Rimini-Katalog-Kindern wieder auf den Weg zum Oberfeld.
„Dieser Ort ist meine persönliche Oase“ zieht die Mami als Fazit.

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Aber das macht diesen besonderen Ort eben aus. Man trifft sie alle. Denn fern aller Herkunft, aller Lebensentwürfe oder Hühnergeldverfügung, ist der Ausflug zum Hofgut Oberfeld immer wieder schön und vor allem mit Kindern immer wieder zu empfehlen. Und wie wir alle wissen, spielen Kinder mit Kindern, egal woher sie kommen.
Und das ist das Entscheidende: Egal ob man nun mit dem hipster Lastenfahrrad oder dem nicht umweltfreundlichen SUV aufs Hofgut gefahren kommt, es ändert nichts daran, dass dieser Ort Idylle pur ist. Die ehemalige Bürgerinitiative (mittlerweile Bürgerunternehmen, weil Aktiengesellschaft) hat damit Darmstadts Bullerbü erschaffen – ein kleines Paradies.

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Fotos: Marie Helene Anschütz
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