Point + Talk: Erste Worte

Zwei Darmstädterinnen geben Babbel-Starthilfe. Wir haben Stefanie und Christine besucht und sie haben uns von ihrem Projekt erzählt.

‬اچھی‭ ‬ابتدا‭ ‬کے‭ ‬لئے‭ ‬شروع‭ ‬کے‭ ‬الفاظ‭ ‬۔

 „Das war Urdu.“

Habt ihr was verstanden? Könnt ihr mit diesen Schriftzeichen etwas anfangen? Ich nicht. Weder im Schriftbild, noch wüsste ich wie es gesprochen wird oder würde es verstehen. Wie geht man damit um, wenn man einem Menschen gegenübersteht, der offensichtlich Hilfe braucht, man sich aber überhaupt nicht verständigen kann?
Der oben geschriebene Satz lautet übrigens: Erste Worte für einen guten Anfang.

Genau hier wollten zwei Darmstädterinnen ansetzen, als sie sich zusammentaten, um Kräfte und Hilfe zu mobilisieren. Stefanie Scholz und Christine Traiser kennen sich schon lange. Als im Oktober vergangenen Jahres die Flüchtlingszahlen immer weiter anstiegen, fragten sich die zwei Freundinnen:

„Warum sind wir bloß keine Ärztinnen, Psychologinnen, oder Architektinnen? Dann könnten wir jetzt echt was tun.“

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Stefanie, freischaffende Grafikdesignerin und Mutter zweier Söhne, engagierte sich direkt an verschiedenen Orten in der Flüchtlingshilfe, (sortierte Kleider, kochte Tee) und gibt seither auch Deutschunterricht. Die Andere, Christine überlegte wie sie als diplomierte Designerinnen tatkräftig und mit ihren Fähigkeiten etwas bewegen könnten. Das Bedürfnis aktiv zu werden, wurde bei Christine durch ihre Tochter, die Medizin studiert, gestärkt. Sie half über das Rote Kreuz in verschieden Unterkünften bei der medizinischen Erstversorgung.
Nach langem überlegen, fiel auf einmal der Groschen: „Wir haben doch was Gutes studiert! Wir sind Kommunikationsdesignerinnen“, sagt Christine. Stefanie lacht und bestätigt ihre Freundin: „Ja, manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

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Die Entscheidung war getroffen – Stefanie und Christine wollen da helfen, wo sie gut sind: in der Kommunikation. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Stolz blicken die zwei auf ihr Werk, das vor uns auf dem Tisch liegt. Stolz können sie auch wirklich sein. Die Idee hat den beiden Kommunikationsdesignerinnen ganz schön was abverlangt.

„Wir sind da so reingestolpert“

„Uns war es wichtig JETZT etwas zu unternehmen, nicht erst wenn die Politik so weit ist.“
Das „kleine Projekt“ wurde ganz schön groß und vor allem ganz schön großartig: Ein Sprachführer für die ersten Momente in einem neuen Land. Point + Talk ist ein Heftchen in praktischer Hosentaschengrößen (A6) mit Anleitungen zum Einkaufen oder nach dem Weg fragen. Von Arzt- bis Zoobesuch oder ‚Ich brauche Hilfe’; ist alles klar und einfach verständlich aufgelistet. In freundlich buntem Design und drei verschiedenen Sprachen ( Farsi, Arabisch und Urdu) ist das Handtaschenlexikon erhältlich. Außerdem gibt es viele bunte Piktogramme, die einem beispielsweise Obst, Gemüse und andere Lebensmittel erklären und übersetzen. Alle Bilder und Abbildungen sind selbst angefertigt. Ob fotografiert und dann bearbeitet oder ‚Straßenbahnticket erwerben’ als Szene nachgestellt, alles ist Handmade in Darmstadt.

Fleißarbeit vom Feinsten

„Die Arbeit am Sprachführer nahm immer mehr Zeit in Anspruch.“ Christine und Stefanie trafen sich regelmäßig zum Austausch. Sie holten sich Hilfe bei Experten, Geflüchteten und Übersetzern, um Anregungen für die Inhalte zu bekommen. Plötzlich tauchten mehr und mehr Kategorien auf. Der Eine befand das Thema Kleidung hilfreich, der Andere hielt es für besonders wichtig, wenn Sitten und Gesetze übersetzt würden.

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Von der Konzeption, über das Texten, die Reinzeichnung bis hin zum Korrigieren der letzten kleinen Fehler – Christine und Stefanie haben alles gemacht, in Personalunion sozusagen.

Und nur mal so: Nachdem die Übersetzer am Werk waren, mussten die Beiden jedes einzelne Textfeld – und auf einer Seite gibt es ganz schön viele – umwandeln, denn arabisch läuft rückwärts. (Ich ziehe meinen Hut und verneige mich vor dieser Fleißarbeit!)
Beide schildern, dass es ihnen schwer viel, sinnvoll zu filtern. Immer wieder tauchten neue Unwägbarkeiten auf. „Wie teuer darf so ein Heftchen sein? Wer kauft es denn?“ fragten sich die beiden Darmstädterinnen immer wieder.

Aus 20 wurden 64 Seiten

Denn natürlich ist der Sprachführer für Geflüchtete, aber ebenso für Helfer in den Anlaufstellen oder private Personen, die den Geflüchteten im Alltag zur Seite stehen möchten. So haben sie sich auf erschwingliche 2,00€ geeinigt, um wenigstens die entstandenen Kosten wie Druck, Lektorat oder Übersetzungskosten ansatzweise zu decken. Auch die Frage nach der Auflage beschäftigte die beiden sehr. Es wurden also 10.000 Stück gedruckt. Davon 6000 Exemplare in Arabisch, 2500 in Farsi und 1500 in Urdu.

Liebe Prinzessin Urdu

Trotz all der spannenden und auch mal stressigen Momente in der Entstehungsgeschichte von Point + Talk, hatten Stefanie und Christine jede Menge Spaß und viele schöne Erlebnisse mit Helfern und Unterstützern. Im Zuge unserer Anfrage nach einem Interview, erreichte uns eine Mail von Christine, in der sie Stefanie mit dem Satz „Liebe Prinzessin Urdu“ anschrieb, was die enge und freundschaftliche Beziehung der beiden Macherinnen verdeutlicht. Mittlerweile hat das Darmstädter Echo  und Hessenschau.de über die beiden Herausgeberinnen berichtet und RTL Hessen hat sogar einen Beitrag gedreht. Außerdem wurde der Sprachführer bereits nachgedruckt.

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Das Ziel: Hilfsorganisationen und Firmen sollen das Büchlein kaufen und an Flüchtlinge weitergeben.

Und vielleicht trifft man bald schon jemanden in der Fußgängerzone mit einem gestreiften Heftchen in der Hand. Denn das farbenfrohe und auffällige Design soll auch als Erkennungszeichen dienen: Hilfsbereite Menschen, die keine Scheu vor Kontakt haben und gerne weiterhelfen. Stefanie und Christine haben Darmstadt nicht nur um einen Sprachführer bereichert, die beiden zeigen auch, wie viele Menschen sich Gedanken machen und anpacken möchten. Denn in Darmstadt gibt es neben Christine und Stefanie noch viele andere Helfer, die mit diesem kleiner Hosentaschenlexikon vielleicht noch mehr bewegen können – das finden wir großartig!
Ihr möchtet dieses tolle Projekt unterstützen? Das halten wir für eine fabelhafte Idee!

Schaut mal bei www.pointandtalk.de vorbei, schickt eine Mail mit Bestellung an: info@pointandtalk.de oder geht in folgende Buchläden,
die den Sprachführer erhältlich haben:

 

Darmstadt:
Buchhandlung Artemis, 64283 Darmstadt | Mathildenplatz 5
Hugendubel, 64283 Luisenstraße 12
Büchergilde am Markt, 64283 Darmstadt | Marktplatz 10
Bessunger Buchladen, 64285 Darmstadt | Heidelbergerstr. 81b
Georg Büchner Buchladen, 64289 Lauteschlägerstr. 18
Buchhandlung Lesezeichen, 64289 Darmstadt | Liebfrauenstr. 69
Arheiliger Bücherstube, 64291 Darmstadt | Frankfurter Landstr. 167
Mainz:
Cardabela Buchladen, 55118 Mainz | Frauenlobstr. 4

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Fotos: Point + Talk, Marie Helene Anschütz
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6 thoughts on “Point + Talk: Erste Worte

  1. Tolle Frauen mit tollen Ideen, spannend was passieren kann, wenn man sich einfach mal ein paar Gedanken macht, manchmal etwas kleines ganz Großes…
    Danke für diesen interessanten und toll geschriebenen Beitrag.

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  2. Respekt und Anerkennung für so viel Mut und Engagement!
    Für viele Menschen (Helfer wie Flüchtlinge) werden diese kleinen Wegweiser ein wertvoller Schatz werden.
    Ich werde morgen direkt welche für die Schule kaufen.
    Ein wunderbarer Artikel, der Lust auf mehr macht!

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  3. Oh wie toll, dass du Point + Talk für eure Schule kaufst! Wir freuen uns total, dass unser Beitrag über Stefanie und Christine tatsächlich dabei hilft, dass die Sprachführer ihren Weg genau dahin finden, wo sie helfen. Da macht unser Herz einen kleinen Sprung<3

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